Beitrag in Leben Lachen Lernen

21.04.2026

Hm… wo soll ich beginnen… solche Geschichten beginnen doch immer mit der eigenen Betroffenheit. Hätte ich nicht einen Sohn mit Behinderung, hätte ich mich wohl nie so intensiv mit dem  Thema Inklusion auseinandergesetzt, oder? Wer weiß, irgendwas mit Gerechtigkeit und Weltverbessern wäre es wohl auch sonst geworden. 🙂

Das Kind kommt zur Welt und an Tag 2 hat der Kampf um die gleichen Rechte begonnen – nämlich bei der Versicherung. Später dann der Platz im Kindergarten und dann der SPF zum Schulstart. Immer alles noch komplizierter wegen der Epilepsie. Alles hatten davor Angst – nur die Pädagoginnen in der Sonderschule nicht. Wir haben uns dort so gesehen gefühlt, dass wir gar nicht über Integration oder Inklusion nachgedacht haben. Es war einfach nur ein Safe Place.

Bald war aber klar, dass Treffen mit Freunden aus der Schule für unseren Sohn nicht möglich waren – fahren ja sofort alle nach Unterrichtsschluss mit dem Fahrtendienst heim. Keine Assistenz – keine Öffis – keine Sichtbarkeit… ihr kennt das Spiel alle…

Mir sind mit der Zeit immer mehr Sachen aufgefallen, die eine Teilhabe unseres Sohnes in der „normalen“ Gesellschaft echt schwierig bzw. unmöglich gemacht haben. Und bald war auch klar, dass er nicht wie seine jüngere Schwester 12 Jahre in die Schule gehen darf. Das wollte ich so nicht hinnehmen und nach einigen Recherchen sehr froh darüber, dass es auch anderen betroffenen Eltern gab, denen es gleich ging. Ganz zufällig sind dann 3 dieser betroffenen Familien einige Zeit später beim Anwalt gesessen und zeitgleich ist auch eine Bürgerinitiative entstanden. Wir haben also gemeinsam die Republik geklagt und gleichzeitig 35.000 Unterschriften gesammelt um eine Petition ins Parlament einzubringen. Dabei wurde schnell klar, dass kaum jemand von diesem Unrecht wusste.

Das Zusammenspiel dieser beiden Aktionen hat für Aufmerksamkeit bei den Medien gesorgt und das wiederum hat den Druck in der Politik erhöht. Aber niemals so sehr, dass die zuständigen Personen das Gesetz schnell geändert hätten und sich eventuell sogar für das Unrecht bei den Eltern entschuldig hätten – natürlich nicht.

Es hat Jahre gedauert und nun steht die Gesetzesänderung zumindest im Regierungsprogramm – einen klaren Termin für die Umsetzung gibt es jedoch nicht – also weiterkämpfen, den Ball in der Luft halten, immer wieder erinnern – so ein Thema wird schnell und gerne vergessen. Menschen mit Behinderung haben leider nie Priorität in der politischen Arbeit. 

Der Frust ist kaum zu überhören und ja, es ist frustrierend und extrem ungerecht – immer wieder kämpfen, immer wieder Rückschritte akzeptieren müssen!

Ich denke, ihr wisst alles was die UN- Behindertenrechtskonvention ist. Österreich hat sich 2008 mit der Unterzeichnung gerühmt, nur bisher kaum etwas davon umgesetzt. Die Mühlen mahlen langsam in der Politik, aber mehr als 20 Jahre????? Und obwohl es Menschen und Institutionen, die ständig daran erinnern??? Da könnten man schon mal auf die Idee kommen, dass sie vielleicht gar nicht wollen, oder?

Da fällt mir ein O-Ton von einem politischen Lobbyingtermin ein: „Es gibt ja keine Sanktionen, warum sollen wir das also umsetzen – da fällt kein Zahn aus dem Rad“. Keine Sanktionen also für die Politik – aber sehr grosse Auswirkungen für die Betroffenen. 

Wir hören seit Jahrzehnten die gleiche Leier: „Zu wenig Geld, zu wenig Ressourcen, da gibt es leider keine Möglichkeiten, holen sie ihr Kinder früher, in den Ferien gibt es leider kein Angebot“, etc. Von all den politischen Lobbyingterminen werde ich eine Aussage allerdings nie vergessen: „Wofür fordern sie denn ein 11. und 12. Schuljahr für diese Kinder – aus denen wird eh nix“! (Autsch, das tut weh!)

Aber genau solche Aussagen bringen mich und viele, viele andere betroffene Eltern immer dazu NICHT aufzugeben. Wie denn auch – wer gibt denn schon sein eigenes Kind auf? Und wer spricht denn sonst auch für all jene Eltern, die nicht für sich und ihre Kinder sprechen können. Für mich ist das eine der wichtigsten Treiber – auch Sprachrohr zu sein für all jene, die eh schon total ausgelaugt sind von der täglichen Pflege und Fürsoge ihrer Kinder.

Deshalb ist die rechtliche Umsetzung so wichtig – damit das Bitten und Betteln endlich aufhört! Unsere Kinder haben ein Recht auf Schule, auf Arbeit, auf Wohnen, auf Teilhabe!

Beim Dialogforum Inklusion der Lebenshilfe 2025 in Salzburg waren soviel engagierte Eltern, Pädagog:innen, Wissenschafter:innen und Institutionen versammelt, dass sich die Idee „Inklusion Österreich“ neu zu gründen als notwendiger nächster Schritt herausgestellt hat.

1991 haben sich schon einmal betroffenen Eltern zusammengetan und damals wirklich viel bewegt. Nur ab den 2000ern ist es dann wieder bergab gegangen und die Rückschritte der letzten Jahre sind einfach nur noch grotesk. Das gesamte Bildungssystem kracht und bei den Kindern und Jugendlichen mit Behinderung wird natürlich am meisten gespart.

Zurück in die Sonderschule ist die aktuelle Devise in einigen Bundesländern. Unzählige Studien, Pilotprojekte und Schulversuche zeigen wie es geht, wie es GUT geht, wie schön es sein kann und wieviel weniger es insgesamt kostet. Warum dann also nicht österreichweit Unterricht unter einem Dach für alle Kinder und Jugendlichen – egal mit welchen Bedürfnissen, jedes einzelne kommt? Warum nicht?

Eine elterninitiierte Dachorganisation wie den Verein „Inklusion Österreich“ zu gründen ist derzeit wichtiger denn je, und ich bin dankbar dafür, dass sich viele großartige Menschen angeschlossen haben. Alle gemeinsam sind wir eine wahrnehmbare Größe, wir sind wütend, laut, extrem gut vernetzt und informiert, Spezialist:innen in unserem Bereich und bereit lange durchzuhalten! Wir können die derzeitigen Rückschritte nicht akzeptieren, denn wir wissen aus erster Hand, dass nur eine inklusive Gesellschaft eine bessere Gesellschaft ist! 

Ich persönlich würde mir wünschen, dass wir den Verein „Inklusion Österreich“ in ein paar Jahren auflösen können – weil er seinen Ziele erreicht hat.

Alles was wir bisher geschafft haben, haben wir nur als Community geschafft, deshalb schließt uns euch bitte an und werdet Mitglied bei Inklusion Österreich.

Karin Riebenbauer
Karin Riebenbauer